OOCup 2026 Foto: OOCup-Team

OO-Cup 2026: Fluch & Regen

Autor: Boris Kastner-Jirka

Emil Kelhar [SU Klagenfurt] war der Jüngste. Ulrike Roder [HSV Ried] die Älteste. Die beiden und 77 weitere Österreicherinnen und Österreicher konnten dem Lockruf „OO-Cup in Irland!” nicht widerstehen: Bei diesem mittlerweile traditionsreichen Fünftagelauf wurde heuer von 26.07. bis 31.07. 2026 in Killarney allen, vom Kids Course-Läufer bis zur D85-Läuferin, mehr geboten als fünf Etappen. Der OO-Cup 2026 war Wettkampf, Urlaub & Abenteuer. In Irland würden sie vielleicht sagen: Fluch & Regen. Ein Erlebnisbericht von Boris Kastner-Jirka [Naturfreunde Wien]:

26. Juli 2026, erster Tag des OO-Cups. Wir sind also zu Besuch auf der grünen Insel. Stimmt, aber so nicht ganz. Gelb spielt genauso eine Rolle. Vor allem in Killarney und im gesamten County Kerry. Alles in dieser Grafschaft ist gelb und grün geschmückt. Nicht nur Autos, Häuser und Menschen, sondern etwa auch Heiligenstatuen vor der Kirche, Haustiere, Landmaschinen, Gärten und ganze Straßenzüge, eben eigentlich alles. Der Grund hat Tradition. Heute Nachmittag wird das 139. „All Ireland Football Championship Final“ gespielt, nein, zelebriert. Die Sportart ist ur-irisch, heißt Gaelic Football und ist eine Mischung aus Fußball, Handball & Rugby. In diesem Jahr lautet das Duell der beiden besten Countys des Landes Kerry vs. Mayo.

Wahrscheinlich ist der Nachmittag des 26. Juli 2026 der einzige staufreie Tag im Touristenort Killarney. Nur Dublin hat mehr Gästebetten als das 14.000-Einwohner-Städtchen am Rande des gleichnamigen wilden & wunderschönen Nationalpark, entsprechend sehr stark ist der Verkehr. Nur nicht am Nachmittag des 26. Juli 2026. Es ist ein „Franz Klammer bei der Olympiaabfahrt 1976-Moment“. Alle schauen fern und sehen wie im Croke Park von Dublin die gelb-grünen die ersten Punkte machen. Es läuft gut für Kerry.

Wir laufen erst, nachdem wir fahren. Irgendwo auf der Nationalstraße 22 zwischen Killarney und Cork verlassen wir den Asphalt und die erforschte Welt.  Wir fressen 9 Kilometer Staub bis wir die Windfarm Inchincoosh und somit die Arena erreichen. Wir sind nur 400m über dem Meer, aber schon in einer anderen Welt. Die einzigen Bäume, die hier stehen, sind Sorte Mammut, aber aus Stahl und haben Äste, die sich drehen. Es gibt auch keine Wege. Die Karte ist gelb. Aber genau diese Farbe muss es in Kerry wohl sein. Einziger Kompromiss ist Gelb mit blauen Strichen, also Sumpf. Viel Sumpf.

Tausende Kuppen sowie Felswände und Steine runden das ansprechende Angebot ab. Wer den Kontakt zur Karte verliert, gewinnt neue Erkenntnisse zu den großen Fragen der Menschheit: Wo komm ich her? Wo will ich hin? Wo bin ich überhaupt? Es gibt den ersten Tagessieg und die ersten Podestplätze für Österreich. Alina Seidl [Naturfreunde Wien/Open C] läuft auf den 1. Platz in ihrer Kategorie, Rosa Trummer [OLC Graz/D21 lang], Hedi Berger [Orienteering Klosterneuburg/D50- Ultimate], Nationalteamläufer Mathias Peter [OLC Graz/H 21-Elite] und Hannes Pacher [SU Schöckl Orienteering/H65-] erobern jeweils den 2. Platz, Es ist anspruchsvoll, aber cool. Auch wenn viele über die schlechte Belaufbarkeit fluchen.

Das tat angeblich auch ein irischer Landpfarrer 1951, also fluchen. Die Legende geht so. Mayo gewinnt in diesem Jahr das „All Ireland Football Championship Final“. Bei der Heimfahrt überholt der Spielerbus einen Begräbnis-Zug, ohne der trauernden Gesellschaft den nötigen Respekt zu zollen. Der diensthabende Priester verflucht das Football-Team von Mayo. Man werde das Finale in Dublin erst wieder gewinnen, wenn alle Teammitglieder gestorben sind. Danach erreicht Mayo 11x das Endspiel und verliert 11x. Der letzte aus dem damaligen Kader stirbt 2023. Heuer hat Mayo das große Ziel wieder vor Augen.

Ganz im Gegensatz zu uns am zweiten Tag. Wieder haben wir zunächst die Schotter-Sonderprüfung zu überstehen und lernen, dass es immer noch jemanden gibt, der noch langsamer fährt als der oder die Langsamte gestern. Schnarch. Mit Standgas geht es hinein in den dichten Nebel. Die Windräder kann man zuerst hören, bevor man sie sieht. Beim Start mitten auf einem verlandeten See hüpfen wir voller Vorfreude auf dem „Schwingboden“. Denn immerhin sieht man 40m bis zum Startdreieck. Dieser Tag bietet Orientierungslauf wie in einem Latte Macchiato-Glas.

Unten feucht & braun (sumpfige Torferde), oben weiß (Nebel). An Tagen wie diesen muss der Fachbegriff „Kompass-Blindflug“ auf die Welt gekommen sein. Soweit man es erkennen kann, ist das Gelände so wie am Vortag, teilweise noch ruppiger. Und – aufgrund der geringen Sichtweite – teilweise auch sehr einsam. Hedi Berger [Orienteering Klosterneuburg/D50- Ultimate] navigiert auf den 1. Platz und holt einen weiteren ihrer insgesamt 4 Podestplätze, während Leon Ebster [ASKÖ Henndorf Orienteering/H 21A short] den 3. Platz erobert. Es ist wieder sehr anspruchsvoll und wieder sehr cool.

Im Croke Park von Dublin jubeln die Kerry-Fans unter den 80.000 im Stadion nach 15 Minuten über das erste „Goal“, das drei Punkte wert ist. Zur Halbzeit führen die Gelb-Grünen mit 1 Tor und 8 Punkten, Mayo hat kein Tor und 10 Punkte. Für alle Gaelic Football-Nichtversteher heißt das zusammengerechnet: Kerry 11, Mayo 10. Noch kann sich niemand absetzen.

Das gilt auch für uns in der Auto-Schlange, die sich noch einmal im Kriechtempo zur Windfarm Ichincoosh hinaufarbeitet. Am dritten Tag fahren nur mehr weiße Autos Richtung Arena, also eh alle. Es staubt wie Sau. Wer sagt „ich liebe den Schotter“ meint sicher in Form von Scheinen, nicht Steinen. Zumindest sind die knapp 500m hohen Berge heute nebelfrei und einige Etagen unter uns glitzert die Kenmare Bay, ein fjordartiger Meeresarm, in der Ferne. Die Uhr beginnt zu Ticken und wir zeigen uns erneut eine gelbe Karte. Die ersten beiden Etappen waren keine Ver-, aber eine Vorwarnung. Denn bald nach dem Start wird klar, heute werden in der Ruppigkeits- und Unbelaufbarkeitsskala neue Topwerte gemessen.

Für einige ist es wie eine Tour durch die Pubs von Killarney, am Ende versumpft man irgendwo, ohne zu wissen, wo. Ganz im Gegenteil zu Martin Veitsberger [OLT Transdanubien/H50- Ultimate], der den 3. Platz ansteuert. Die meisten kämpfen sich, oft stolpernd, ins Ziel und beenden ihr O-Abenteuer in diesem wilden & einsamen sowie gelb kartierten Teil Irlands.

Der Trend in Kerry und vor allem in Killarney geht überhaupt zu mehr Gelb. Zum Beispiel auf dem wunderschönen Lough Leane, dem flüssigen Vorgarten zum Nationalpark. In immer mehr Buchten und Uferbereichen mit Schilf setzen gelbe Teichrosen wunderbare farbliche Akzente, und das erst seit wenigen Jahren. Die Pflanzen kamen als blinde Passagiere an oder besser unter Board von vielen Kanus und Kayaks auf den See, fühlten sich alsbald heimisch und wohl und verliehen ihrer Freude durch Vermehrung Ausdruck.

Ist es am 4 Tag angebracht, über den Wechsel der Arena und des Laufgebietes Freude zum Ausdruck zu bringen? Wir wissen es zunächst nicht. Wir wissen nur, hier am Crohane Mountain gab es in den 1990iger Jahren physisch extrem harte OL-Weltcup-Wettkämpfe. Es ist wie im Kultbuch „The Hitchhikers Guide to the Galaxy“. Jeden Tag entdecken die Hauptdarsteller einen neuen Planeten. So wie wir auch am Mittwoch.

Bewohner gibt es keine, nicht einmal mehr solche aus Wolle, daher gibt es auch keine Wege, keine Pfade, manchmal sogar keine Hoffnung. Sümpfe in allen erhältlichen Größen und Felswände prägen das Gelände, und auch diese Karte hat mehr braune Punkte als Bambi weiße. Auch in der heutigen fremden, aber faszinierenden Welt ist Laufen nur eingeschränkt möglich. Kein Problem für Mathias Peter [H21-Elite], er schnappt sich den 3. Platz. Am Nachmittag regnet es erstmals länger und intensiver.

Keine Sonny scheint auch für Kerry in der zweiten Spielhälfte in Dublin, Mayo macht zwei Punkte in Folge und versenkt den Ball dann im Netz, Goal! Die Verfluchten übernehmen die Führung. Nach knapp einer Stunde passt dann kaum ein Blatt zwischen die beiden Teams. Kerry 1-14, Mayo 1-15. In den letzten Sekunden sichert Mayo mit dem letzten Punkt sich den Sieg und all seinen Spielern den Legendenstatus. 75 Jahre und einen Fluch lang musste man in der Grafschaft Mayo auf diesen Moment warten. In Gaelic-Football-Zahlen: Mayo 1-20, Kerry 1-17. Schöner als irische Sportreporter kann man es nicht ausdrücken: “A funny thing happened today. Mayo won the All-Ireland. The House of Pain has closed its doors.”

Muskelschmerzen können auch am fünften Tag schon auf dem Weg zum Start auftreten. Die Garmin-Uhr gratuliert zu 40 bewältigten Stockwerken. Dort, wo Tags zuvor der Zielposten stand, beginnt diesmal der Spaß. Crohane Mountain, zweiter Versuch. Wer früh startet, steht im Regen. Wer später dran ist, so wie wir, für den scheint die Sonne. Vor allem für Ulrike Roder [HSV Ried/D85-], die auch diese Etappe gewinnt und somit 5 Tagessiege und den Gesamtsieg feiernkann.

Podestplätze in der Gesamtwertung gibt es auch für Maya Lapornik [HSV Wiener Neustadt/D-10 shadowed], sie wird mit 5 Podestplätzen Zweite, während Leon Kelhar [SU Klagenfurt/H-10 shadowed] mit 4 Podestplätzen Dritter wird. Er kann den Blick aufs Wesentliche zu richten, Boris Kastner-Jirka [Naturfreunde Wien/H55-]gelingt das nicht, weil ihm das Wesentlichste abhanden kommt. Er verliert die Karte, ohne es gleich zu merken. Das Auffinden des Unfallortes zwischen Steinen & Büschen sowie manns- und frauhohen Farnen gelingt nicht. Es ist eine Niederlage.

Die gelb-grüne Countyauswahl hat nach dem Finale in Dublin dasselbe Gefühl. Die Männer aus Kerry können ihren Titel nicht verteidigen. Trotzdem herrscht in Killarney auch in den Tagen danach gute Stimmung, die ansteckt. Auch uns. Viele Menschen sind nach wie vor in den markanten Dressen ihres Teams unterwegs und feiern. Vielleicht nicht die Finalniederlage, aber ganz sicher das Leben. Und ihre Football-Frauen. Denn gleich nach OO-Cup spielen die Kerry Ladies am 02. August 2026 auch im All Ireland Football Championship Final, die Gegnerinnen kommen aus Galway. Kerry verliert ganz knapp, gewinnt aber unsere Herzen. Und wir? Wir können uns zur Feier einer großartigen Woche In Irland daheim in Wien eventuell ein gelbes Stück Kerry, das wie Gold glänzt, aufs Brot schmieren. 250g Kerrygold, streichzart, gibt es um € 2,66.- bei BILLA. Oder anders formuliert: Irland, alles in Butter.

Fotos: OOCup Team

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