Was ist eigentlich Trail-O?
Während beim klassischen Fuß-Orientierungslauf (Foot-O) die physische Laufgeschwindigkeit oft rennentscheidend ist, rückt beim Trail-O die reine mentale Präzision und das exakte Kartenlesen im Gelände in den Vordergrund. Die Disziplin wurde entwickelt, um Menschen mit und ohne physische Einschränkungen einen absolut gleichwertigen, inklusiven sportlichen Wettkampf zu ermöglichen.
Sämtliche Posten müssen von definierten Wegen (Trails) aus gelöst werden. Die Herausforderung besteht darin, anhand der Karte zu bestimmen, welche von mehreren im Gelände sichtbaren Posten exakt der Postenbeschreibung entspricht. Es gibt zwei Hauptdisziplinen: Pre-O (Präzisions-Orientierung mit unbegrenzter Zeit, aber höchster Genauigkeitsanforderung) und Temp-O (Zeit-Orientierung, bei der Entscheidungen an Postenstationen in Sekundenschnelle getroffen werden müssen).
Wenn vom 29.Juli bis 03. August 2026 im polnischen Stettin die europäische Elite im Trail-O (Präzisions-Orientierung) zusammenkommt, ist auch Österreich mit Gerhard Doppler vertreten. Und das auf eine ganz besondere, herzerwärmende und fast schon filmreife Art und Weise: durch einen einzigen Athleten, dessen sportlicher Werdegang sich über zwei Länder, Jahrzehnte des Suchens und Findens sowie eine ordentliche Portion Humor erstreckt.
Hier ist das Porträt über unseren EM-Starter Gerhard Doppler, der eindrucksvoll beweist, dass Orientierungslauf weder Alters- noch Fitnessgrenzen kennt.
Vom Lungau nach Portugal: Der unkonventionelle Weg
Unser diesjähriger EM-Starter wurde 1971 im salzburgischen Mariapfarr im Lungau geboren. Die ersten Berührungspunkte mit dem Orientierungslauf gab es bereits 1985 in Klagenfurt, initiiert durch seinen damaligen Turnlehrer – den heute noch immer aktiven und bekannten Kärntner Orientierungsläufer Herwig Hierzegger.
Nach ersten Schritten ruhte die OL-Leidenschaft jedoch erst einmal. Während des Studiums und der anschließenden Arbeit im steirischen Graz gab es zwar einen kurzen Abstecher zum OL-Kurs am Universitätssportinstitut (USI), doch das Fazit fiel damals pragmatisch aus: „Da war mir einfach zu viel Laufen und zu wenig Orientieren dabei.“
Das Leben führte ihn schließlich 2009 nach Portugal, wo er ein Jahr später eine kleine Software- und Bildungsprojekt-Firma gründete. Und genau dort, an der windgepeitschten Atlantikküste in Figueira da Foz, entdeckte er im Jahr 2016 eher zufällig, dass es auch in Portugal eine aktive Orientierungslaufszene gibt. Er stieg wieder ein – zunächst bei klassischen Fuß-OL- und Mountainbike-OL (MTB-O) Events.
„Wenn wir mehr als die Hälfte richtig haben, machen wir das auch.“ – Der entscheidende Testlauf beim WTOC 2019, der den Grundstein für die Trail-O-Karriere legte.
Der eigentliche Wendepunkt folgte 2019: Als freiwilliger Helfer bei der Trail-O-Weltmeisterschaft (WTOC) im portugiesischen Idanha-a-Nova testete er gemeinsam mit einem Kollegen spontan eine der anspruchsvollen Wettkampfstrecken. Nach bestandenem Selbstversuch war das Trail-O-Fieber endgültig entfacht.
Seit 2020 nimmt er regelmäßig an Pre-O, Temp-O, Staffel- und Pre-O-Sprint-Veranstaltungen in seiner Wahlheimat teil – mit beachtlichem Erfolg: Bei den portugiesischen Staatsmeisterschaften im Pre-O belegte er zuletzt virtuell den hervorragenden 3. Platz (außer Konkurrenz, da er formal kein portugiesischer Staatsbürger ist). Seine Leistungen blieben nicht unbemerkt: Er wurde sogar in das portugiesische Nationaltrainingsteam für Trail-O nominiert. Bei der EM in Polen geht er jedoch stolz für sein Heimatland Österreich an den Start.
Olympischer Geist und der „Glücksindex“
Trotz der Nominierung für das portugiesische Spitzentraining bleibt Gerhard Doppler herrlich bodenständig und glänzt mit erfrischend sympathischen Erwartungen für das anstehende Großereignis in Polen:
- Dabei sein ist alles: Der olympische Gedanke steht ganz klar im Vordergrund. Die internationale Bühne zu erleben und wertvolle Erfahrungen auf anspruchsvollstem Niveau zu sammeln, ist das Hauptziel.
- Beitrag zum Weltfrieden: Mit einer gehörigen Portion Selbstironie merkt er an: „Für den internationalen Glücksindex wäre es eigentlich vorteilhaft, wenn ich Letzter würde. Mir macht es nichts aus und alle anderen freuen sich!“
- Sport für alle: Es ist ihm ein echtes Herzensanliegen zu vermitteln, dass Sport und Orientierung keine Frage des Alters, des Körpertyps oder der körperlichen Voraussetzungen sind. Trail-O ist der lebende Beweis dafür, dass der Kopf die stärkste Muskelgruppe sein kann.
Wir von Orienteering Austria drücken unserem weitgereisten und hochmotivierten Einzelkämpfer für die EM-Tage in Polen ganz fest die Daumen. Egal ob am Ende die vorderen Plätze angegriffen werden oder der „Glücksindex“ gesteigert wird – wir sind stolz darauf, wie sympathisch, vielseitig und weltoffen der österreichische Orientierungslauf international vertreten wird!
Offizielle Website der EM: etoc2026.pl